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Man sollte Leuten nicht glauben, die behaupten sie würden ein solches Werk an einem Wochenende lesen! Claas Relotius oder besser sein Virus lassen grüssen. Ich lese an diesem 1171-seitigen Werk seit guten 2 1/2 Wochen und bin immer nicht durch. Aber man sich ja ein paar Schnipsel aus dem Internet zusammensuchen, vielleicht noch ein wenig vom Klappentext - und fertig ist die "Fake-amazon-Besprechung?" Ich könnte kotzen, für wie dumm hier die Leser verkauft werden. Ich habe mehrere Stunden pro Tag darin gelesen, weil man nämlich gar nicht den ganzen Tag darin lesen kann, aber zu behaupten, man könne so ein Buch gerade mal an einem Wochenende wie einen klassischen Pageturner durchlassen, ist absoluter Schwachsinn. Das neueste Werk der frisch gekürten Nobelpreisträgerin - braucht mehr als einen langen Atem, den vermutlich nur eingefleischte Leser durchhalten werden, zumindest erscheint ihr ausgelaufener Band "Unrast" auf der Bestseller-Spiegel-Liste diese Woche, aber Jakobsbücher? Bücher über tausend Seiten sind nicht das, was Leser lesen wollen, schon gar nicht wenn Sie wie hier gar über 1000 Seiten vorweisen, die Spannung ist arm, viele Stellen wirken mythisch, wir lesen einen Roman der 1752 beginnt und bereits von Jenta einer der Hauptfiguren beginnt, die nämlich als Tote über der erzählten Geschichte von Jakob des Protagonisten in dieser Geschichte, wie unsichtbar zu schweben scheint und ihr Übergang vom Leben ins Jenseitige ist fliessend, fast so als ob man den Tod nicht mitbekommen würde..Das Buch ist verschiedenen Gründen anstrengend zu lesen. Wir lesen polnische, hebräische, jüdische Ausdrücke, Begriffe die heute veraltet sind und in jener Zeit verwendet wurden. Und da taucht auch schon die erste Frage auf, warum werden diese Begriffe im Anhang anhand eines Registers nicht übersetzt? Im Text selbst werden zwar einzelne Ausdrücke erklärt aber nur sporadisch. Man bräuchte also versch. Lexika, um sich dieser Sprache zu bemächtigen! Dasselbe haben wir mit den Abbildungen die meist wie Stiche aus dem 18. Jh. und davor wirken, ohne Erklärung, ohne Benennung, im Gegenteil, die darin enthaltenen Ziffern werden dann in polnisch abgebildet, als ob es von polnischen Quellen einfach von der Autorin eingescannt wurde, aber es vermutlich nicht vom Verlag als wichtig angesehen wurde, auch noch diese Wörter zu übersetzen, nachdem bei diesem Umfang des Werkes das Ganze eh schon an eine Meisterleistung grenzt, die Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein hier geleistet haben. Allein diese beiden Komponenten schon plus der Umfang des Werkes (angeblich wären es nur 24 Std. Lesezeit, lt. Kindle-Angaben, was ich aber nicht glaube) verlangt nicht nur ein grosses Durchhaltevermögen plus den Willen sich in den äussert ausufernden Wortschatz von Olga Tokarczuk einzulesen. Offenbar hat der Zürcher Kampa-Verlag alle Rechte erhalten, nachdem Werke von ihr u. a. bei Schöffling von ihr verlegt wurden, aber ausliefen, aufgrund mangelnder Nachfrage. Schön für den Kampa-Verlag, der natürlich alle Ausgaben jetzt neu auflegen wird.Nach mehreren hundert Seiten habe ich mich gefragt, was ich da eigentlich lese und mit was haben wir es hier zu tun? Also wenn ich ehrlich bin, ist dies ein Roman über Religion, ein Roman über die Zeit des 18. Jahrhunderts und seine Menschen, was die Menschen damals bewegt hat, was sie geglaubt haben, wie sie gelebt haben, in was sie Hoffnung hatten und welche äussere Einflüsse ihr Leben mitbestimmt haben. Ständig wird hier von Häresie gesprochen, dass Juden nicht toleriert werden, von Konflikten zwischen Juden, Christen, und auch anderen Religionen. Ständig geht es ums Taufen, ums Konvertieren, vom Verbrennen irgendwelcher religiöser Bücher wie den Talmud usw., dass ich mich ehrlich frage, wen interessiert das eigentlich, in einer Zeit, wo die Religionen immer mehr an Menschen verlieren, oder auch die Kirchen. Geographisch bewegen wir uns ständig zwischen Polen und der Türkei. Irgendwer wird bedroht und verfolgt und und irgendwer flüchtet dann irgendwohin, um sich, sein Leben und seine Familie zu retten. Gewöhnungsbedürftig wird darin das Recht auf Sexualität ausgehandelt, Erotik wird hier feuchtfröhlich und frei verhandelt, wer denn nun mit wem jetzt ins Bett gehen darf oder nicht, angesichts der Religion und deren Bedeutung die hier verhandelt wird, kann sich fragen, wie und ob das überhaupt zusammenpassen mag oder nicht. "Du darfst mit anderen Frauen schlafen, die anderen aber schlafen nicht mit deiner Frau. Daran wird deutlich, dass du der Herrscher bist." S. 635/634 Eine seltsame Mischung von Komponenten, an der sich die Autorin auszuleben scheint, vermutlich ist das ja Geschmackssache. Und bereits nach geschlagenen 600 Seiten kann man sich die wichtigste Frage überhaupt stellen: Wer um Himmels Willen soll denn das überhaupt lesen???Der Spiegel (12.10.2019) spricht bei dem rückläufig nummerierten Band, gar von einer "Literarischen Überforderung" oder Zitat: "einer Collage von Stimmen und Personen, von erfundenen und tatsächlichen Dokumenten, von Geschichten und metaphysischen Höhlengängen...und eine Verbeugung vor den hebräischen Büchern". Leser die mit Texten um Religionen, Theologie, Judentum, den Talmud usw. bewandert sind, dürften die grössere Chance haben, den Ausflug in jene Tokarczuk-Welten noch überhaupt mitzugehen, aber all die anderen? Hier werden Göttlichkeit und Sündhaftigkeit verhandelt, hier wird der Protagonist der auftritt wie Jesus, auch als solcher angesehen, auch umringt sich mit 12 Personen, er kann Wunder bewirken und man spricht von einem besonderen Charisma, was seine Person anbelangt. Er erfährt wie es ist, wenn der "Heilige Geist" in ihm eintritt. Immer wieder geht es um das Erscheinen Gottes in einem menschlichen Leibe. Die Erscheinung von Kometen, wie es typisch in dieser Zeit und davor war, ist typisch für seine Deutung und Ankündigung künftiger Veränderungen. Wer nicht Katholik wird, bleibt ein Niemand. Ist Fremdgehen normal? "Mit bloßem Auge ist zu sehen, dass jeder im Ort mit jeder schläft, ja dieser Gepflogenheit wird noch ein besonderer Sinn verliehen." 645/644.Doch ist und bleibt Jakob die zentrale Figur in dieser Fiktion. "Ich gestatte mir, in dieser Weise über Jakob zu schreiben, weil ich ihn liebe." Solche Sätze finden wir wie einen roten Faden, der sich durch das ganze Buch zieht. Jakob wird bewundert, geliebt und er ist charismatisch, aussergewöhnlich, die Menschen projizieren all ihre Hoffung auf Erlösung, wie es einst bei Jesus war, nur dass wir es hier mit Jakob zu tun haben, der in vielem Jesus von Nazareth zu ähneln scheint. Vielleicht die polnische Version? "Für uns Menschen ist also das Gute etwas anderes als für Gott" lesen wir auf S. 591/590. Und: "dass in den Tiefen des absoluten Guten die Wurzel des Bösen schlummere, die jedes Wunder, jede Bewegung verneine." Wird hier das Gute und das Böse vor dem Angesicht Gottes verhandelt? Manche Übersetzungen lesen sich fast in Reimart, als ob man das Gefühl bekommt, man würde ein Gedicht lesen. Ist es aber nicht. Interessant nicht? Männern werden hier junge Frauen im Alter von 15 Jahren zugesprochen. Wird der Wert eines Menschen aufgrund seiner religiösen Gesinnung festgelegt? Irgendwie wirkt das schon so. Da wird von Bannsprüchen gesprochen, von Selbgerichten, und Antitalmudisten. Doch was wie unscheinbar über diesem Roman schwebt, ist die Erwartung des Messias, für dessen Figur hier Jakob steht. (Manche glauben gar, er komme in Gestalt einer Frau.) S. 663Auch die Rolle der Frau wird hier verhandelt, das von Männern machtdurchdrungene Patriarchat ist an jeder Ecke zu spüren. Frauen werden vergeben. Schwanger werden, ein Kind bekommen, die Tatsache das Frauen Kinder empfangen können, lesen, fühlen und spüren wir an jeder Ecke dieses Textes. Die Tatsache von Schwangerschaften haben hier ständig Konsequenzen. Sowohl einschliessend als auch ausgrenzend. Selbst alte Flugblätter in Latein verfasst werden uns hier zugemutet. Wir lesen von der Kabbala, oder davon dass die Menschen die "Seelenwanderung" beschäftigt. Wer sind die Bekennende und an was leiden die sog. Rechtsgläubigen? Wir lesen von der mohametanischen Religion wo Wörter wie "la ilaha illa llah muhammanchun rasulu Ilah" lesen, die einen eigentlich an den Sufismus erinnern. Geht es darum dass Religionen uns zu Gott führen? Auf Seite 710 lesen wir folgenden Satz: "Durch drei Religionen gelangen wir zu Gott: durch die jüdische, die ismaelische und die edomitische." So lesen wir auf S. 737: "Die Menschen kennen sich, es entgeht ihnen nichts." Die Frau ist das grösste Geheimnis" (838) heisst es u. a. hier. Juden sind ein Teufelsvolk. Und irgendwie ist hier allen klar, das Jakob der Messias ist. "Ist das etwa kein Beweis, dass Jakob entsandt wurde als Messias?" Wir alle sind Formen, die das Licht annimmt, sobald es die Materie streift, schreibt Olga Tocarczuk auf Seite 898. Denn es ist das Absolute, dass sich hier begrenzen musste, damit überhaupt eine endliche Welt entstehen konnte. Denn wir sind das Fremde und wissen nur das eine, dass wir Fremde hier sind. Die zentrale Frage lesen wir hier auf Seite 623: "Warum ist der biblische Jakob euch so wichtig?" Welche Rolle will die Nobelpreisträgerin ihrem Protagonisten Jakob zuordnen, was erhoffen sich die Menschen von ihm, mit was genau ist er ausgestattet und woher kommt es, dass er von allen geliebt und bewundert wird? Zumindest diese Frage, bleibt nach der ersten Leseetappe von 600 Seiten offen.
Vielen Dank geht an den Kampa Verlag für diese Ausgabe!Das Buch von Olga Tokarczuk ist unglaublich - es gibt so viele Momente, wo man wirklich mit dem Gedanken spielt, etwas zu "ergoogeln" - stimmt es oder nicht. Es lohnt sich, bis ans Ende zu warten, und erst dann schauen, wie die Biographie von Jakub Frank wirklich verlaufen ist. Unglaubliche literarische, übersetzische und verlegerische Leistung!Eine kleine Anmerkung hätte ich doch - Schade, dass in der dt. Ausgabe die Landkarte auf der ersten Seite nicht übernommen wurde, auch das Papier könnte etwas "dicker" sein (wie in der poln. Ausgabe) - es ist einfach ein schöneres haptisches Erlebnis für die Leserin; ich verstehe auch, dass die Größe des Buches (Abmessungen) in die reihe passen soll, es wäre jedoch schöner, wenn dieses Buch in etwas größerer Schriftgröße herausgegeben werden könnte. Das sind alles solche "Luxus-Anmerkungen", ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch in meiner Bibliothek habe. Vielleicht wird es mal eine "Luxus-Ausgabe" geben - s.o. für Vorschläge.Im Großen und Ganzen - 5 Sterne, Top Leistung!
Ich habe das Buch "Ur und andere Zeiten" der Autorin gelesen, war schlichtweg begeistert, und wollte "more of the same". Die Lebensgeschichte von Jakob Frank, einem der jüdischen Pseudo-Messiasse im 18. Jahrhundert, bietet definitiv genug Stoff für ein spannendes historisches Buch, vor allem, wenn sich eine Autorin wie Fr. Tokarczuk der Geschichte annimmt.Vermutlich wäre das auch eine tolle Sache geworden, wenn sich die Autorin darauf beschränkt hätt, ein Buch mit 300 Seiten zu schreiben. So ist daraus ein über weite Strecken entsetzlich langweiliger Schinken mit 1200 Seiten geworden, dessen Handlung auch oftmals Sprünge vollzieht, die man zum Teil nicht so schnell nachvollziehen kann. Manchmal geht die Erzählung in kleinste Details, dann wieder stellt man plötzlich fest, dass bedeutende Ereignisse mit den handelnden Personen passiert sind, ohne dass sie explizit erwähnt wurden- und der Person des historischen Jakob Franks kommt der Leser dabei keinen Zentimeter näher, der Hauptheld des Buches bleibt immer seltsam unscharf und unbestimmt.Positiv zu erwähnen ist das unglaublich detaillierte historische Wissen der Autorin, auch ist die Beschreibungen der Lebenssituation der osteuropäischen Juden im 18. Jahrhundert sehr interessant, aber eine spannend erzählte Geschichte bietet dieses Buch leider nicht. Ich musste mehrmals heftige Kämpfe mit mir selbst ausfechten, um nicht aufzuhören zu lesen.Schade, aber bei der Kombination von einer hervorragenden Autorin und einer realen Geschichte, die so bizarr ist, dass man sie nicht besser hätte erfinden können, habe ich mir viel mehr erwartet.
Ein schweres Buch im physischen Sinn - die 1200 Seiten haben Gewicht! Ein bedeutsames Buch aus geistiger Perspektive - der Inhalt ist wichtig! Der Leser wird zwar über die weitesten Strecken dieses uferlosen Stroms an Ereignissen und Begegnungen von der erzählerischen Strömung getragen, oft geradezu mitgerissen, es gibt aber auch einige ruhigere, möglicher Weise gar ausufernde Flußabschnitte, durch die es dann und wann ein wenig selbst zu rudern gilt - also ja, die Lektüre erfordert durchaus ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen. Aber es lohnt sich!Vor uns liegt eine wahrhaft üppige Abhandlung vom nachhaltigen Leben und Wirken des historisch evidenten, charismatischen Jakob Frank, der im orthodoxen jüdischen Milieu des 18. Jhd. als Messias stilisiert wurde, woraus die religiöse Bewegung der "Frankisten" entstand. Die literarische Konstruktion ist angelehnt an historische Geschichtsbücher, was durch die Illustrationen unterstützt und so richtig lebendig wird durch eine blumige, bildhafte, metaphernreiche und die Historizität des Textes wunderbar spiegelnde Sprache - jedenfalls in der hervorragenden deutschen Übersetzung. Das Buch ist dermaßen voll von Originalen, skurrilen Figuren, wundersamen Begebenheiten, eigentümlichen Entwicklungen, Landschaften, Dörfern, realen und geistigen Wohnstätten, Ideen, Theorien und Hirngespinsten, Aufrichtigkeiten und Lügen, dass einem schier die Luft wegbleibt. Wie in anderen wirklich wichtigen Texten der Weltliteratur entsteht seine tatsächliche literarische Größe, seine letztendliche Gültigkeit, seine Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Weisheit aber letztlich durch die Spiegelung seiner Inhalte, seiner Menschen und Ereignisse im Menschsein an sich und in der Zeitlosigkeit. All das ist hier der Fall!
Ein absolutes Meisterwerk, das mit seiner spirituellen Tiefe die deutsche Presse total überforderte. Eine Reise in das Polen des 18. Jahrhunderts, sinnlich, realistisch und doch voll imaginativer und mythologischer Kraft, wie sie kein deutscher Autor zustandebrächte. Ein grosser Wurf, Dank an das Nobelpreiskomitee, dass es diese Leistung erkannte und würdigte!
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